Top Speakers Lounge "Future Leaders"

Donnerstag, 05.10.2017 - 16:30 - 20:30
Wien

Bei der Top Speakers Lounge der Handelskammer Schweiz-Österreich-Liechtenstein (HKSÖL) in der WKÖ Sky Lounge auf der Wiedner Hauptstrasse diskutierten Lino Guzzella, Präsident der ETH Zürich, Werner Hoffmann (WU Wien und Geschäftsführer Contrast Ernst & Young), René Siegl (ABA) und Andrea Stürmer (Zürich Österreich) darüber, aus welchem Holz Führungskräfte von morgen geschnitzt sein müssen. Moderation:  Arzu Tschütscher (Zukunft.li).

Der Kampf um die besten Köpfe ist bereits voll entbrannt. Unternehmen, die schon heute beim „War for Talents“ die besten Fach- und Führungskräfte akquirieren, können sich so den Wettbewerbsvorteil von morgen sichern. Laut Lino Guzzella, Präsident der ETH Zürich, braucht es zum wirtschaftlichen Fortschritt spezielles Know-How in der Datenwissenschaft, Informatik und im Bereich Lernender Systeme. „Die Grundlage sind Mathematik und Naturwissenschaften. Man benötigt Kernkompetenzen, keinen Hansdampf in allen Gassen. Sie müssen aber auch in der Gruppe funktionieren. Interdisziplinarität muss man in der Gruppe erfahren”, betont Guzzella.

Dazu kommt ein hartes Auswahlverfahren. „Spitzenkräfte entstehen nur durch Wettbewerb. Und zwar echten Wettbewerb. Es geht um die Selektion der besten Talente, unabhängig von ihrer Herkunft. Dazu kommt ein eine gute Vernetzung mit weltweit mehr als 8.000 Forschungskontakten. Wir erforschen z.B. in Singapur, also mitten in einer Weltregion mit dem grössten Bevölkerungswachstum, Wege und Methoden, um Grossstädte nachhaltiger zu gestalten“, erklärt Guzzella. Diese Strategie gibt Guzzella recht. Mit mehr als 350 gegründeten Spin-offs seit 1996 zählt die ETH Zürich zu den erfolgreichsten Universitäten Kontinentaleuropas und gilt als die beste nicht englischsprachige Universität der Welt. So ist z.B. die von ETH-Studenten entwickelte „Mesh Mould”-Technologie ein wichtiger Schritt zum „Drucken” von Bauwerken. Lino Guzzella: „Die Technologie kombiniert Schalung und Bewehrung des Betons in einem Stahldrahtgitter. Die Fertigung der Wand geschieht in einem einzigen, von einem Roboter durchgeführten Prozess.”

Mein guter Freund, der Arbeitgeber

Für Andrea Stürmer (Zürich Österreich) ist der Schlüssel zum Erfolg das Employer Branding, also das Bestreben, sich als möglichst attraktiver Arbeitgeber darzustellen. „Gerade für uns als Dienstleister ist die Qualität unserer Mitarbeitenden DER entscheidende Wettbewerbsfaktor. Ich möchte diejenigen als Mitarbeitende, die die Besten sind, die es sich aussuchen können, weil sie fachlich topp qualifiziert sind, weil sie die relevanten soft skills mitbringen und weil sie zu uns passen. Beim ,War for Talent` kommt es nicht nur darauf an, dass wir die richtigen Talente auf dem Markt finden. Sondern es kommt auch darauf an, dass wir sie an uns binden, dass sie gerne im Unternehmen sind und bleiben. Denn als Unternehmen investieren wir natürlich in neue Mitarbeiter und es dauert auch immer eine Weile, bis jemand voll produktiv ist.“

Der schönen neuen Arbeitswelt widerspricht René Siegl (ABA = Austrian Business Agency). „Employer Branding mag bei großen bekannten Firmen funktionieren, aber nicht für die Firma Hinterhuber im Waldviertel, die ab und zu einen Diplomingenieur benötigt. Unser Problem in Österreich ist ein ganz anderes. Nehmen wir das Studium der Technischen Physik: Von den 400 Inskribierten wird die Hälfte im ersten Jahr hinausgeprüft. Wenn man weiß, wie viele Absolventen in der Privatwirtschaft benötigt werden, dann ist das eine komplette Fehlsteuerung der Ressourcen”, so Siegl.

Digitalisierung der Arbeit: Fluch oder Segen?

Die Frage, ob Digitalisierung Jobs schafft oder kostet, erregte hingegen die Gemüter. Lino Guzzella: „Es macht keinen Sinn, Programmiersprachen zu lehren, da kommen immer wieder neue nach. Algorithmisches Denken zu lehren ist dagegen wichtig. Da sollte man schon im Kindergarten damit anfangen. Da gibt es Tools. Geisteswissenschaften und Sprachen sind extrem wichtig. Und das mathematisch-algorithmische Denken!“ Professor Werner Hoffmann sieht hier zwar Vorteile, aber auch Gefahren: „Die Zukunft ist nicht prognostizierbar, aber die Gestaltung. Die Digitalisierung schafft Arbeitsplätze, es fragt sich nur wo? Ich bin nur optimistisch, dass es nicht weniger Arbeitsplätze als vorher geben wird. Wir sind aber aufgerufen, die Plätze bei uns zu schaffen. Die Wirtschaft fordert von unseren Studenten ein solides Grundlagenwissen. Zuerst muss man die Grundlagen seines Faches beherrschen. Dazu kommt, den Studenten eine gewisse Haltung zu vermitteln. Ich sehe mich hier als Kulturstifter.” Düster blickt hingegen René Siegl in die Zukunft. „Ich teile nicht den Optimismus der Digitalisierung. Hier stehen uns am Arbeitsmarkt gewaltige Umbrüche bevor. Der Wandel ist exponentiell und nicht linear wie früher. Daher werden die Umbrüche sehr stark sein und es wird eine starke Polarisierung geben zwischen Leuten, die nicht mehr gefragt sind und anderen, wo es einen War for Talent gibt”, führt Siegl aus.

Laut Andrea Stürmer wird Führungsarbeit in Zukunft noch anspruchsvoller. “Während die Vergangenheit von sehr viel Stabilität geprägt war, wird unsere Zukunft in der Versicherungsbranche von viel Wandel geprägt sein. Wir stehen noch ganz am Anfang der Digitalisierung, die viele Tätigkeiten verändern wird. Unsere Welt wird weiterhin an Komplexität zunehmen. Und die Erwartungen an uns als Dienstleister werden weiter steigen. Somit wird eine Führungskraft sehr gut mit Veränderung umgehen müssen und Entscheidungen oft unter Unsicherheit treffen müssen. Weiters muss sie auch die komplexe Welt in einfache Worte fassen können.”

Download Präsentation der Keynote Speech

 

 

Galerie