Bauen für die Zukunft

31.10.2019
PORR-CEO Karl-Heinz Strauss (Foto: Astrid Knie)
PORR-CEO Karl-Heinz Strauss legt hohen Wert auf Nachhaltigkeit und Energieeffizienz. (Foto: Astrid Knie)

Seit 150 Jahren gibt es die PORR AG. Das traditionsreiche Bauunternehmen setzt schon lange auf Nachhaltigkeit. Wir sprachen darüber mit CEO Karl-Heinz Strauss.

hub: Was bedeutet "Nachhaltiges Bauen" für PORR?

Karl-Heinz Strauss: Wir haben früher als andere begonnen, auf Nachhaltigkeit Wert zu legen. Das war lange, bevor sie gesetzlich verankert wurde. Auch im Bereich zertifizierter Nachhaltigkeit sind wir in Mitteleuropa vorne. 2018 waren konzernweit zumindest 60 % des Umsatzes unserer fertiggestellten Hochbauprojekte mit zertifizierter Nachhaltigkeit behaftet. 2018 waren die von der PORR geplanten und errichteten Konstruktionen von Hochbauprojekten durchschnittlich um 17 % CO2-effizienter als der Branchenschnitt und brauchten rund 53 % an nicht erneuerbarer Primärenergie. Auch Recycling steht bei uns im Fokus. Die Gesamtproduktionsmenge an Recyclingmaterial lag 2018 bei 1,3 Mio. t. Ein Highlight ist z. B. die Reduktion der Papiermengen (2017: 646 t, 2018: 595 t).

hub: Wie ist der aktuelle Trend im Wohnbau? 

Strauss: In den letzten Jahren ist eine Entwicklung zu grösseren Projekten erkennbar. Die Wohnungen werden jedoch kleiner, ein Trend in Richtung "Micro­Living" zeichnet sich ab. Es herrscht grosser Bedarf an Wohnungen mit Aussenflächen. Weiters werden Gemeinschaftsräume sowie Paketboxen (Aufbewahrungsboxen) nachgefragt.

Auch wie gebaut wird, wird sich weiter verändern: Die Digitalisierung der Baubranche ist spürbar. Integrierte Planung via LEAN Design und LEAN­Construction, Modularisierung und Standardisierung, Automatisierung, digitale Zwillinge mittels Building Information Modelling (BIM) und der Einsatz künstlicher Intelligenz revolutionieren die Wertschöpfungskette im Bauwesen. Bauvorhaben lassen sich schneller realisieren, Gesamtkosten können gesenkt, Qualitätskontrollen maximiert und Risiken minimiert werden.

hub: Wie haben sich die Anforderungen an den Wohnbau geändert?

Strauss: Neben digitalen Methoden sowie verschwendungsfreien Managementansätzen wird Corporate Responsibility am Markt relevanter. Wir sind durch BIM im Bereich Digitalisierung sowie LEAN im Bereich der Prozess- und Fertigungs­optimierung hervorragend aufgestellt. Aber auch im Bereich Corporate Responsibility legen wir vor.

Es wird heute in der Planung hohes Augenmerk auf Energieeffizienz sowie Ausrichtung und Lage der Gebäude gelegt. Nachhaltigere Lösungen sind klassischen Lösungen immer überlegen, da diese über den Lebenszyklus günstiger zu betreiben sind, über geringere Energie- oder Medienverbräuche verfügen und nicht zwangsweise in der Anschaffung teurer kommen. Umweltauswirkungen – wie (CO2-)Emissionen – werden drastisch reduziert und es wird kein weiterer Beitrag zur globalen Erwärmung geleistet. Weitere Effekte sind die Erhöhung der Sicherheit der Verfügbarkeit von Frischwasser, die Aufrecht­erhaltung der Primärproduktion von Nahrungsmitteln, Hölzern sowie Fasern oder die Begrenzung von Bodenfrass und dem Verbrauch von Virgin Material.

hub: Welche Rolle spielt das Thema Energieeffizienz?

Strauss: Durch die Offenlegung des Energieausweises wird für den Verkäufer bzw. Mieter von Wohnungen die betriebliche Wirtschaftlichkeit vergleichbarer. Dadurch hat im Wettbewerb die Energieeffizienz hohen Stellenwert. In der Wiener Bauordnung werden Anforderungen an nachhaltige Energiequellen wie Photo­voltaikanlagen und Fernwärme gestellt.

Mittels BIM haben wir die spätere Nutzung des Objekts bereits in der Planungsphase im Blick und können treffsichere Prognosen bezüglich der Energieeffizienz oder des Wartungsaufwands treffen. Diese Prognosen bilden das Fundament eines umfassend optimierten Energiemanagements, welches in Folge signifikante Einsparpotenziale bietet.

Auch die Käufer betrachten vermehrt die Lebenszykluskosten und entscheiden sich für energieeffizientere Lösungen, die zukünftig preiswertere Betriebskosten schaffen. Da sind auch die Banken ein Treiber. Es ist heute schwerer, einen Kredit zu erhalten, wenn die Lebenszykluskosten hoch sind bzw. der Wiederverkaufswert niedrig ist.

Med Campus Graz (Foto c Med Campus Graz)
Neuer Med Campus in Graz (Foto: Med Campus Graz)

hub: Wir berichten in dieser Ausgabe auch über den neuen Med Campus in Graz, bei dem auch die PORR beteiligt war. War dort das Bekenntnis zur Nachhaltigkeit von Anfang an Prämisse?

Strauss: Beim Med Campus Graz war es bereits zu Projektbeginn ein Ziel der Bauherrschaft, ein hohes Mass an Nachhaltigkeit umzusetzen, was im Jahr 2013 in einem Vorzertifikat der ÖGNI (Österreichische Gesellschaft für nachhaltiges Bauen) in DGNB Platin (Deutsche Gesellschaft für nachhaltiges Bauen) mündete. Mit dem Campus wurde das erste Projekt des DGNB-Systems "Neubau Forschungs- und Laborgebäude" in Österreich umgesetzt. Die Audit-Dokumentation wird derzeit durch die ÖGNI auf Konformität geprüft, es wird ein Endzertifikat in DGNB Platin angestrebt.

hub: Wie haben Sie die Zusammenarbeit mit dem Bauherrn und den Architekten erlebt?

Strauss: Die Errichtung übernahm eine ARGE unter Führung der PORR. Das ist für uns im Sinne des Value-Engineering optimal gewesen. Je früher wir als Bauunternehmen in ein Projekt eingebunden sind, desto besser können wir eingreifen. Im Fall des Med Campus Graz waren wir von Anfang an involviert. Der Bauherr (Anm. d. Red.: die BIG), die Architekten und wir haben vom ersten Moment an als Team gearbeitet. Das ist natürlich der beste Weg, um optimale und ressourcensparende Ergebnisse zu erzielen.

hub: Können Sie uns einige Beispiele nennen, wo bei den Bauarbeiten besonders nachhaltig agiert wurde?

Strauss: Durch bewusste Auswahl der Bauprodukte, Hilfs- und Verlegewerkstoffe wurde einerseits der in das Gebäude eingebrachte "ökologische Rucksack" spürbar reduziert, andererseits wurde ein lösemittelfreies und emissionsminimiertes Innenraumklima umgesetzt. Mit solchen Massnahmen können Schadstoffe in der Innenraumluft um gut und gerne eine Potenz 10 im Vergleich zu konventionellen Gebäuden reduziert ­werden. Durch helle Fassaden sowie Begrünungen entsteht nicht nur Aussenraumqualität mit hohem Erholungswert; auch urbane Wärme­inseln und zu starke Überhitzung an heissen Sommertagen werden vermieden.
Wir haben eine Umsetzung von Responsible Sourcing erreicht. So wurden ökosoziale Anforderungen in der Beschaffungskette umgesetzt. Insbesondere Hölzer und Holzprodukte sowie Natursteine sind nachweislich nicht mit Kinder- und Zwangsarbeit oder Raubbau behaftet.

Auch bei den Bauprozessen selbst haben wir Beeinflussungen der Nachbarschaft und Umwelt durch Staub, Lärm oder Bodeneinträge während der Errichtungsphase regelmässig kontrolliert und thematisiert. Insbesondere haben wir Wert auf Abfallarmut sowie Voraussetzungen für Kreislaufwirtschaft, d. h. stringente Fraktionierung der Restmassen zur Wiederverwendung, gelegt.

hub: Welche Entwicklungen erwarten Sie in den nächsten Jahren für die PORR AG?

Strauss: Da sich die PORR weniger als Projektentwickler und mehr als Bauunternehmen sieht, hoffen wir bei anhaltender positiver Konjunktur in den kommenden fünf Jahren auf eine Anhebung der Baubudgets der Investoren. Aktuell besteht ein sehr hohes Preisniveau am Subunternehmer- und Professionistenmarkt. Diese Preispolitik unserer Nachunternehmer erschwert es für uns als Generalunternehmer, entsprechende Renditen bei gleich bleibenden Budgets der Investoren zu erwirtschaften.

Wir befürworten die Erhöhung der Energieeffizienz sowie die Steigerung der Nachhaltigkeit beim Thema Bauen, sehen aber gleichzeitig derzeit keine entsprechende Auswirkung bei den Budgets der Investoren, die sich erhöhen müssten.

hub: Wir danken für das Gespräch
 

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