Geld allein reicht nicht

06.06.2019
Reifen eines Rennwagens mit verschwommenem Hintergrund
Besonders gravierend spürt man den Facharbeitermangel im IT-Bereich. Dort steigt der Bedarf an Fachkräften so schnell, dass die Ausbildungsmassnahmen damit gar nicht mehr mithalten können. (Foto: iStock by Getty/DaveAlan)

Über den aktuellen Fachkräftemangel und die Unterschiede zwischen dem heimischen und dem CEE-Arbeitsmarkt sprachen wir mit Alexander Riklin, Gesellschafter und Geschäftsführer der ALCAR Holding GmbH.

hub: Herr Riklin, wie sehen Sie in Ihrem Unternehmen den Arbeitsmarkt – Stichwort Facharbeitermangel?

Alexander Riklin: In den letzten Jahren ist die Suche nach Fachkräften in allen Unternehmensbereichen schwieriger geworden. Allen voran betrifft das den gesamten IT-Bereich. Das darf man aber nicht nur mangelnder Ausbildung zuschreiben. Der Bereich wächst auch so schnell, dass die Ausbildung gar nicht mitkommt. Wir bei ALCAR merken zwar auch, dass es schwieriger als früher ist, gute Mitarbeiter zu bekommen. Wir haben allerdings das Glück, keine grossen Probleme bei der Besetzung von Stellen zu haben. Einerseits benötigen wir am Standort Österreich nicht viele industrielle Facharbeiter. Andererseits sind wir im Süden von Wien beheimatet, wo es gute Ausbildungsstätten gibt. Und die Absolventen der hiesigen Schulen und Fachhochschulen sind froh, wenn sie in der Nähe arbeiten können und nicht bis Wien einpendeln müssen.

Aber ich sehe natürlich bei anderen Unternehmen, dass es in allen Branchen immer schwieriger wird, gut ausgebildete Mitarbeiter zu bekommen.

hub: Was kann man tun, damit sich diese Situation langfristig ändert?

Riklin: Natürlich ist ein wichtiges Thema Bildung. Man muss so früh wie möglich beginnen, Kinder zum Lernen zu motivieren. Denn wer keine gute Ausbildung hat, wird auch keinen qualifizierten Beruf ausüben können. Wichtig ist, dass die Kinder die Schule nicht als „Muss“ sehen, sondern dass sie Ausbildung wirklich wollen. Man muss motivieren, nicht bestrafen. Hier ist das System zu überdenken: Z. B. wiederholt man bei uns mit nur einer negativen Note ein Jahr. Das bewirkt meiner Meinung nach genau das Gegenteil von Motivation.

Andere Länder machen das besser. Ich sehe da einige Vorbilder im angelsächsischen bzw. im skandinavischen Raum.

Ich selbst engagiere mich daher auch für „Teach for Austria“ (Anm. d. Red.: ein Programm, bei dem Universitätsabsolventen aus der Privatwirtschaft für einige Jahre in den Lehrberuf wechseln und v. a. an Brennpunktschulen unterrichten). Dabei wird wichtige Aufbauarbeit mit Kindern, die oft aus einem sozial schwierigen und bildungsfernen Umfeld kommen, geleistet.

hub: Wie können Unternehmen kurzfristig im „Kampf um die besten ­Köpfe“ erfolgreich sein?

Riklin: Für die Mitarbeiter zählt heute mehr als nur Geld zu verdienen. Ein Unternehmen muss ihnen auch darüber hinaus etwas bieten. Wichtig sind hier Perspektiven und Anreizsysteme. Man muss es schaffen, dass die Leute motiviert und gern beim Unternehmen sind. Dann sind sie auch nicht gleich weg, wenn ein anderes Unternehmen ihnen um 100 Euro mehr Gehalt bietet.

Die Mitarbeiter müssen sich neben ihrem alltäglichen Job entwickeln können. Aus- und Weiterbildungsprogramme, die Möglichkeit, sich im Unternehmen neu zu orientieren, und andere interne Programme gehören da zu den Massnahmen. Wichtig ist auch, dass diese Möglich­keiten für Mitarbeiter in allen Hierarchieebenen angeboten werden. Manche Unternehmen in Österreich machen das schon heute besonders gut.

hub: ALCAR ist auch im CEE-Raum stark vertreten. Sieht der Arbeitsmarkt dort anders aus?

Riklin: Wir haben Tochtergesellschaften in Polen, Tschechien, der Slowakei, Ungarn und Rumänien. Dort sind wir mit dem Problem des Arbeitskräftemangels sehr stark konfrontiert. Das ist in diesen Märkten viel schlimmer als bei uns.

Was sicher anders ist, ist die Tatsache, dass in diesen Ländern der monetäre Aspekt viel mehr zählt als in Mitteleuropa. Dort sind auch Lohnsteigerungen von 5 bis 10 % im Jahr an der Tagesordnung. Das kann vielleicht auch daran liegen, dass in den Ballungszentren die Preise für die Lebenshaltung sehr hoch sind, die Löhne aber noch nicht mitgezogen haben.

Ein weiterer Unterschied, den ich be­obachte, ist die geringe Zahl an schwer vermittelbaren Personen im CEE-Raum. Ich könnte mir vorstellen, dass das damit zu tun hat, dass Arbeitslosigkeit finanziell staatlich nicht so gut abgesichert ist wie bei uns.

hub: Gerade im IT-Bereich wird derzeit ja viel von mitteleuropäischen ­Firmen in den CEE-Raum ausgelagert bzw. vergeben. Woran liegt das Ihrer Meinung nach?

Riklin: Erstens liegt das sicher an den geringeren Kosten – die aber in den letzten Jahren auch schon sehr gestiegen sind. Aber es gibt auch Gegenden mit exzellenter Ausbildung. „Wir kooperieren z. B. mit einem Unternehmen in Rumänien. Vor allem in Bukarest sind die Leute hoch qualifiziert. Bei uns ist es aber so, dass IT eine Kernkompetenz ist. Wir lagern daher die IT nicht aus, aber gewisse Arbeiten werden für uns in Rumänien erledigt.“

hub: Vielen Dank für das Gespräch!

Alexander RiklinAlexander Riklin

... ist Gesellschafter und Geschäftsführer der ALCAR-Gruppe. Das Unternehmen beschäftigt über 800 Personen und verfügt über Vertriebsniederlassungen in 16 europäischen Ländern. Riklin selbst ist bereits seit mehr als 30 Jahren international – u. a. im CEE-Raum – tätig.

Die ALCAR Holding

... ist eine international tätige ­Industrie- und Handelsgruppe mit strategischer Ausrichtung auf Stahl- und Leichtmetallräder. Die ALCAR-Gruppe ist Marktführer im europäischen PKW-Nachrüstmarkt.

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