Near- statt Farsourcing: Potenzial der CEE-Länder für die Schweizer und österreichische Wirtschaft

Foto von der Podiumsdiskussion, v.l.n.r.: Tobias Gerfin, Stefan Barny, Thomas Haneder, Stefan Brupbacher und Peter Fischer (Foto © Anastasia Karpenko)
Nearshoring beinhaltet viele Chancen für eine Optimierung der Lieferketten und als Produktionsstandort wie z.B. tiefere Kosten, gute Fachkräfte, Subventionen oder auch die Nähe zur Schweiz.
Mittwoch, 30.11.2022 - 18:00 - 22:00
Zunfthaus zur Zimmerleuchten, Zürich

Die aktuellen Krisen zwingen Unternehmen noch deutlicher, ihre Prozesse und Dienstleistungen zu hinterfragen und konsequent weiterzuentwickeln, inklusive der allgegenwärtigen «make or buy»-Frage. Für Firmen in Österreich und der Schweiz hat sich in den letzten Jahren verstärkt das nahe Mittelosteuropa für die Auslagerung von Prozessen in zahlreichen Branchen und Funktionen hervorgetan. Anlässlich der Top Speakers Lounge in Zürich, dieses Mal als gemeinsamer Anlass der beiden Handelskammern Schweiz-Österreich-Liechtenstein (HKSÖL) und Schweiz Mittelosteuropa (SEC) diskutierten Tobias Gerfin, CEO Kuhn Rikon, Thomas Haneder, Leiter CEE und SEE TPA, Stefan Barny, Leiter Global Network Switzerland Global Enterprise und Stefan Brupbacher, Direktor Swissmem unter der Leitung von Peter Fischer, Chief Economist der Neuen Zürcher Zeitung. 

Die Schweiz und auch Österreich sind zwei der wenigen Länder in Westeuropa, welche seit 2000 nicht deindustrialisiert wurden, sondern im Gegenteil Arbeitsplätze geschaffen haben. In der Schweiz ist der Hauptgrund die liberale Wirtschaftsordnung, eine aktive Industriepolitik und auch, dass man keine Angst vor Auslagerungen hat. Dies führte zu starken Produktivitätsgewinnen, hoher Wertschöpfung und mehr Beschäftigung. Bei Ländern mit protektionistischen Massnahmen ist es genau umgekehrt und Produktivität, Wertschöpfung und Arbeitsplätze gingen verloren. Als stark internationalisierte Branche mit 540'000 Arbeitnehmenden im Ausland und einer Exportquote von 78% macht die Schweizer MEM-Branche schon lange Nearshoring. Dies hat sich intensiviert, nicht zuletzt, weil sich die Schweiz nach Covid schneller als erwartet erholt hat. «Firmen suchen nach neuen Suppliern und nach neuen Produktionsmöglichkeiten, aber es ist alles sehr schwierig», so Swissmem-Direktor Stefan Brupbacher. Bezüglich der Bedeutung als Exportregion für die Schweiz kann man CEE mit China vergleichen.

Eine «Festung Europa» ist keine Lösung

Bezüglich Nearshoring hat CEE weiterhin ein grosses Potenzial für die Schweiz. Es gibt viele Chancen für eine Optimierung der Lieferketten und als Produktionsstandort wie z.B. tiefere Kosten, gute Fachkräfte, ähnliche Kultur, Subventionen, Nähe zur Schweiz, etc. Aber auch viele Herausforderungen, die von Land zu Land unterschiedlich sind, wie Fachkräftemangel, stark steigende Löhne, wenig liberale Arbeitsgesetze oder fehlende Rechtssicherheit. Die Schweiz und Europa stehen bezüglich Wirtschaft in einem internationalen Wettbewerb. Dies insbesondere mit den rohstoffreichen Ländern.

Was man heutzutage leider überall sieht, ist, dass sich Regionen gegen andere Regionen abgrenzen, z.B. Europa gegen China. Eine «Festung Europa» zu bauen, ist aber keine Lösung. «Wir stehen weiterhin für eine grösstmögliche internationale Verknüpfung, denn von internationalen Supply Chains haben und werden alle profitieren», so Brupbacher. Damit Europa und die Schweiz in Zukunft weiterhin erfolgreich sein können, müsse es nun zuerst bezüglich der bilateralen Beziehungen einen aussenpolitischen Pragmatismus geben und eine rasche Einigung basierend auf der Weiterentwicklung der bilateralen Verträge.

Um gegen die heute einflussreicheren, rohstoffstarken Länder bestehen zu können, «muss der Westen durch eigenen Erfolg, eigenes Denken, Universitäten und Innovation und nicht durch Protektionismus brillieren.» Stefan Brupbacher

«CEE steht in einem globalen Standort-Wettbewerb»

Stefan Barny – “Bei der Frage nach der Lieferantenauswahl geht es weitestgehend um Risk Management”. China hat zwar weiterhin eine grosse Bedeutung für die Schweizer Wirtschaft, Schweizer Firmen entscheiden sich aber heute viel weniger für das Land als Produktionsstandort als früher. Gründe sind einerseits die geopolitischen Unsicherheiten, aber auch, dass das Land für Expats schwieriger geworden ist. Die CEE-Region ist attraktiv und bei Standortentscheiden immer eine der ersten Optionen für Schweizer Firmen. CEE steht dabei aber konstant in einem globalen Standort-Wettbewerb z.B. im näheren Umfeld mit Ländern wie Marokko, Ägypten und der Türkei.

Firmen müssen bei der Evaluation von künftigen Standorten in jedem Fall eine sorgfältige Due Diligence machen. Themen, die für den Standortentscheid wichtig sind, u.a. Verfügbarkeit von Fachkräften, Kultur, Cluster, aber auch Arbeitsrecht, wo man genau hinsehen muss. Was jedoch an Bedeutung gewinnen wird, sind Sustainability-Kriterien, was bezüglich Kostenfolge von KonsumentInnen zur Zeit weitestgehend unterschätzt wird. UnternehmerInnen sorgen sich in der Schweiz zur Zeit sehr um die Energiesicherheit. Dies ist ein weiterer Faktor, den man bei einem Standortentscheid – gemeinsam mit vielen anderen gemeinsam – prüfen müsse, bevor man sich entscheidet.

«Es findet ein klarer Wechsel von Globalisierung zu Regionalisierung statt»

Tobias Gerfin – 60% der Produktion von Kuhn Rikon stammt von Drittfirmen in China. Dies nicht zuletzt, weil China führend ist bezüglich der für Kuhn Rikon wichtigsten Produktionstechnologien, z.B. Spritzguss. Ein Wechsel des Produktionsstandorts von China nach z.B. CEE ist deshalb nicht einfach, weil CEE seine Produktion selbst nach China ausgelagert. Ein weiterer Grund: «Wenn man 20 Jahre mit einer Firma zusammengearbeitet hat, dann sind das heute unsere Freunde». Dennoch: «Es findet ein klarer Wechsel von Globalisierung zu Regionalisierung statt». So muss man auch bei Kuhn Rikon heute neben einem Lieferanten aus China immer auch einen zweiten Lieferanten, z.B. in CEE für den Absatzmarkt Europa, oder in Mexiko für die USA finden.

Eine Rückkehr der Produktion in die Schweiz wird es nicht geben, da kein Konsument bereit wäre, den Aufpreis zu bezahlen. CEE besticht u.a. durch die grosse Nähe. Die höhere Verfügbarkeit von Personal in CEE ist grösstenteils aber vorbei. «Alle CEE-Länder im näheren Umkreis haben einen Fachkräftemangel», so Tobias Gerfin. Entscheidend ist deshalb, dass Firmen und Branchen Wege finden, die begrenzten Arbeitskräfte für sich zu gewinnen. Alles in allem ist ein Produktionsstandort-Entscheid gerade für KMUs sehr schwierig. Für sie ist es von grosser Hilfe, dass sie auf das Netzwerk und das Know-how von Handelskammern und den staatlichen Wirtschaftsfördern wie Switzerland Global Enterprise zählen können.

«Ich kann eine Reihe von Firmen aufzählen, die begeistert von CEE sind»

Stefan Brupbacher – “Leg nicht alle deine Eier in einen Korb”. Heutzutage ist es Standard, dass bei Produktionsentscheiden Firmen mehrere Lieferanten prüfen. CEE ist ein bewährter Markt und war schon immer eine Option für die Auslagerung der Produktion aus der Schweiz. Dies oft mit guten Erfahrungen. «Ich kann eine Reihe von Firmen aufzählen, die begeistert von CEE sind.», so Swissmem-Direktor Stefan Brupbacher. Es gibt eine Verlagerung der Produktionskapazitäten weg von China in andere Länder, z.B. in der Textilindustrie nach Bangladesch, Pakistan oder in die Türkei. Produktion in den USA ist vor allem wegen des grossen Fachkräftemangels heute schwierig. Mehr Produktion in den USA werde insbesondere durch gesetzlich vorgeschriebenen «Local Content» und hohe Subventionen gefördert, welche der Konsument über höhere Preise und der Bürger über höhere Steuern bezahlen muss.

Das momentan grösste Problem von Europa ist die Energieversorgung, welche mindestens in den nächsten drei bis fünf Jahren ungelöst bleiben wird. «Wir sitzen hier in ganz Europa im gleichen Boot.» Wenn China nach Aufhebung der Zero Covid Strategie wieder in den normalen Wachstumsmodus zurückfindet, werden sich die Preise für Energie noch einmal markant erhöhen. Stark steigende Konsumpreise sind nicht zuletzt aus politischer und gesellschaftlicher Sicht sehr problematisch. Politisch, weil man in Europa sofort weitere Subventionen fordern wird, und gesellschaftlich, weil historisch betrachtet stark höhere Preise immer mit einem Wegfall des Mittelstandes einhergingen, was zu einer weiteren Polarisierung der Gesellschaft und Extremismus führen kann. Deshalb ist es eine wichtige Aufgabe der Industrie, der heute schwierigen Kostensituation über konsequente Innovation und Produktivitätssteigerungen entgegenzuwirken.

«Wien wurde das Zentrum für CEE-Headquarters»

Thomas Haneder – TPA unterstützt seit 30 Jahren Firmen, welche nach CEE gehen. Es gibt momentan ein wachsendes Interesse an der Region. «Es handelt sich hier weniger um Firmen, die aus China zurückkommen, sondern es ist ein weiterer Schritt im Sinne einer Diversifizierung.» CEE ist keine homogene Region, sondern von Land zu Land recht unterschiedlich. Man muss klar unterscheiden zwischen Ländern wie z.B. Polen, die schon sehr weit entwickelt sind und Ländern aus Südosteuropa, wo auch auf Grund der Arbeitskosten andere Tätigkeiten verlagert werden. Deshalb betrachten Firmen bei einer Suche nach einem neuen Produktionsstandort alle Länder einzeln und detailliert. Wichtig für den Entscheid sind u.a. finanzielle Unterstützung, z.B. durch EU-Gelder oder Subventionen der einzelnen Länder, Arbeitskosten aber vor allem auch die Verfügbarkeit von Mitarbeitern generell. Investitionsförderungen sind insbesondere bei einfacheren Produktionsprozessen von hoher Bedeutung. Eine Firma muss sich auch mit der Politik befassen und entscheiden, ob eine Investition in ein Land für sie möglich ist, ohne sich zu stark mit der Politik beschäftigen zu müssen. Oft ist auch der Zugang zu politischen Entscheidungsträgern wichtig.

Österreich hat eine spezielle, langjährige Erfahrung mit CEE. «Wir haben eine ähnliche Mentalität», so Haneder. Seit der Wende 1990 haben sich österreichische Unternehmen sehr schnell in CEE etabliert. Wien wurde das Zentrum für CEE-Headquarters. Dies ist nun aber 30 Jahre her und diese spezielle Bedeutung von Österreich und insbesondere Wien lässt nach. Es kann aber Sinn machen, dass eine Schweizer Firma über Österreich Mittelosteuropa entwickelt, wenn sie schon eine Tochterfirma im Land hat. Ausserdem gibt es sehr viele Menschen mit einem Hintergrund aus Südosteuropa in Wien, was für eine mögliche Verlagerung in den Balkan hilfreich sein kann.

Fotos © Anastasia Karpenko

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