Revolution 2.0

09.04.2020
Ditigalisierung der Mobilität
Mobilität ist eines der Kernthemen, bei dem die Digitalisierung grosse Veränderungen bringen wird. (Bild:Adobe stock/metamorworks)

Peter Laggner ist Gründer und einer der Vorstände der Trimetis AG. Ein Gespräch über die Chancen und Herausforderungen der Digitalisierung.

hub: Welche Herausforderungen bringt die Digitalisierung mit sich?

Peter Laggner: Die digitale Revolution spielt eine ähnlich bedeutsame Rolle in der Umwälzung der gesellschaftlich­wirtschaftlichen Strukturen wie die vorangegangenen grossen wirtschaftlichen und damit politischen Revolutionen. Sie ist bereits seit rund 20 Jahren im Gange (Stichwort „Internethype“), befindet sich aber derzeit immer noch in einer frühen Phase der Entwicklung. Damit werden in den nächsten 20 bis 30 Jahren weltweit tiefgreifende wirtschaftliche, soziale und gesellschaftliche Veränderungen einhergehen. Die wesentlichen technologischen Fortschrittsbereiche – wir bezeichnen diese als Digital Technology Enabler (DTE) –, welche die digitale Revolution ermöglichen und befeuern, sind unter anderem mobile Kommunikation, Internet of Things, Automatisierung und Robotics, ­künstliche Intelligenz, virtuelle Realität und Quantencomputing.

hub: Welche Sektoren sind am stärksten betroffen?

Laggner: Aus der Kombination der Möglichkeiten dieser Digital Enabler werden je nach Reifegrad der einzelnen Komponenten massive Umbrüche in nahezu allen wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Sektoren stattfinden. Die am stärksten betroffenen Sektoren sind die Industrie, Gesundheit, Landwirtschaft, Finance und Public Administration – jeder kennt die entsprechenden Überbegriffe für die Digitalisierung dieser Sektoren, wie z. B. Digital Health, Precision Farming, Industrie 4.0, E-Government, Smart Banking, autonomes Fahren usw.

Kluft zwischen Digital Natives und den älteren Generationen wächst

hub: Welche Auswirkungen wird die Digitalisierung auf die Gesellschaft haben?

Laggner: Durch die neuartigen Kommunikationsmöglichkeiten werden sämtliche Gesellschaften demokratischer und transparenter. Die Urbanisierung schreitet mit der Digitalisierung weiter voran, es entstehen vermehrt Megacities. Der demografische Wandel führt zur Veralterung der Gesellschaft, gleichzeitig wächst die Kluft zwischen den Digital Natives und den älteren Generationen. Die Ausbildungsanforderungen verändern sich in Richtung Technologie (Stichwort „MINT“), die Arbeitsweisen werden internationaler und flexibler. Der Fachkräftemangel verschärft sich zunehmend. Die alten Berufsbilder fallen teilweise ersatzlos weg, während neue Berufsbilder nur teilweise qualifiziert abgedeckt werden können.

hub: Das bedeutet für Unternehmen?

Laggner: Neue Unternehmen, die als Digital Natives bezeichnet werden können, gefährden die Geschäftsgrund­lage bestehender Unternehmen. Diese erfinden Lösungen auf Grundlage der Digital Enabler, welche bestehende Produkte und Lösungen verdrängen, wie beispielsweise Uber, welches das traditionelle Taxi massiv konkurrenziert. Kernprodukte und Lösungen, sämtliche Geschäftsprozesse – Produktion, Logistik, Querschnittsfunktionen – müssen kritisch hinterfragt, zum Teil neu konzipiert und dann umfassend digitalisiert werden.

Die erforderlichen Softwarelösungen für die eigenen Produkte und Lösungen müssen durch erfahrene Kernteams agil gebaut und weiterentwickelt werden. Fertigungsprozesse sind nach den Standards von Industrie 4.0 – Just-in-Time bzw. Just-in-Sequence, vollständig automatisiert, flexibel und atmend, C02-neutral usw. – auszubauen und zu optimieren.

Die Digitalisierung der Produkte und des Geschäftsmodells erfordert eine umfassende Integration von Softwarekapazität und Know-how. Dies ist in vielen Unternehmen eine neue Disziplin, welche bislang bei Bedarf zugekauft wurde. Daher muss man die Steuerungs- und Personalsysteme auf die Bedürfnisse der Softwareentwicklungsressourcen und die Zusammenarbeit mit neuen externen Dienstleistern anpassen.

Auch die Bindung von Fachkräften wird immer mehr zum kritischen Erfolgsfaktor. Unternehmen müssen an ihrem Image arbeiten, gute Arbeitsbedingungen schaffen und ihre Mitarbeiter entsprechend remunerieren. Oder eben die geeigneten Partner haben, welche die erforderlichen Kompetenzen passgenau zuliefern können.

hub: Haben heimische Unternehmen gute Chancen im internationalen Wettbewerb?

Laggner: Der Raum DACH ist aufgrund seiner speziellen und global führenden Fokussierung auf Maschinen- und Anlagenbau sowie Automotive und Supplier besonders prädestiniert, eine globale Führungsrolle bei der Digitalisierung dieser Industrien und ihrer Produkte und Lösungen einzunehmen. Die Nutzung dieser Chance sollte durch eine gezielte Standortpolitik gefördert werden.

Industrie 4.0 - Roboter mit künstlicher Intelligenz

hub: Welche Rolle werden zukünftig Robotik und Automatisierung spielen?

Laggner: Die Industrie 4.0 erfordert eine durchgängige Automatisierung des gesamten Produktionsprozesses. Hier ist der Einsatz von Robotern längst Standard und für einen wettbewerbsfähigen Massenfertiger unverzichtbar. Nun jedoch erfolgt die Automatisierung von administrativen Geschäftsprozessen mittels Einsatz von Robotern (Software/Hardwarelösungen).

Typische Prozesse für den bestmöglichen Einsatz von Robotik sind solche, die eine hohe Standardisierbarkeit bei gleichzeitig hohem Mengenvolumen und menschlichem Arbeitsaufwand aufweisen. Die effektivste Art, diese Prozesse zu automatisieren, ist derzeit der Einsatz von spezifischen (für den konkreten Fall gebauten) Robotern, kombiniert mit menschlicher Überwachung und Aussteuerung.

Ein Roboter im Administrationsprozess führt die programmierten Funktionen aus. Solange die Prozesse im vorgesehenen Standard ablaufen, arbeitet der Roboter problemlos und höchst effizient. Sobald aber eine Anomalität im Prozess stattfindet, stoppt der Roboter den Prozess und je nachdem, wie vorhersehbar oder komplex die Anomalität ist, führt dies zu einem gesamthaften Stopp von Arbeitsprozessen, für die es in der Regel keine menschliche Kapazität als Backup mehr gibt. Versieht man den Roboter mit künstlicher Intelligenz, d. h. dass er Anomalitäten als solche erkennt, aus den unterschiedlichen Anomalitäten lernt, Folgeschlüsse trifft und daraus selbst Lösungen entwickelt und umsetzt, dann funktioniert er weiterhin und unterbricht nicht den gesamten Arbeitsprozess. Der Einsatz von künstlicher Intelligenz im Zusammenhang mit Robotern ist deshalb von grossem Vorteil; die Ausfallshäufigkeit sinkt deutlich und damit steigt die Effektivität und Effizienz des Robotereinsatzes.

Steigendes Cybercrime-Risiko

hub: Birgt diese allumfassende Digitalisierung nicht auch viele Gefahren?

Laggner: Mit der fortschreitenden Digitalisierung steigen naturgemäss die Möglichkeiten von Cybercrime und das Risiko diesbezüglicher Attacken auf jegliches Objekt, seien es Unternehmen, Institutionen, infrastrukturelle Einrichtungen, Regierungen oder einfach nur individuelle Personen. Daher sind entsprechende Schutzmassnahmen vor Cybercrime-Attacken für alle potenziell Betroffenen zwingend erforderlich.

hub: Wie wird sich Ihr Unternehmen in den kommenden Jahren bezüglich der Digitalisierung positionieren?

Laggner: Bei Trimetis werden einige Bereiche und Services im Raum DACH massiv weiter ausgebaut: Consulting für Digitalisierung, Softwareentwicklung und -betrieb, Software Testing in Verbindung mit Testautomatisierung und Testdatenmanagement. Aber auch Robotics ­Process Automation (RPA) ist ein aktuelles Thema für uns.

Ausserdem werden wir in der Gruppe verstärkt SCRUM Teams as a Service (onsite oder/und nearshore), Einzelexperten nach Bedarf und auf Zeit sowie massgeschneiderte Inkubationslösungen für den Aufbau von Softwareentwicklungsteams (onsite, nearshore, hybrid) anbieten. Dies alles, um unseren Kunden ein umfassendes Portfolio für ihren Fachkräfte- und Lösungsbedarf im Rahmen ihrer Digitalisierungsherausforderung partnerschaftlich anbieten zu können.

hub: Wir danken für das Gespräch!

 

cover_kopie_2.jpg

Peter Laggner ist Vorstand (CEO) bei der Trimetis AG. Weitere Vorstände der Gesellschaft sind Mag. Wolfgang Weber (COO) und Ulfert Rotermund (CSO). Die Zentrale der Gruppe ist in Wien. Weitere Standorte existieren in Stuttgart, Frankfurt, Köln Bonn, Zürich und Lublin (PL). (Bild: Trimetis AG)

Über die Trimetis AG

Die Trimetis Gruppe entfaltet ihre Geschäftsentwicklung in den Bereichen Consulting Services, Softwareentwicklung, Testing Services und Expert- Sourcing-Dienstleistungen. Die Absatzmärkte sind überwiegend Deutschland, Schweiz und Österreich. Die Gruppe tritt derzeit mit den Marken Trimetis (Consulting, Softwareentwicklung, Software Testing), adegna (Expert Sourcing) und Trilease (ein eigenes Softwareprodukt für Leasingmanagement) am Markt auf. Es sind rund 300 Berater bei den aktuellen Kundenprojekten im Einsatz.

 

203

Kommentare