Schwimmende Waren

20.07.2020
Der Hafen Wien ist ein Beispiel für eine multimodale Logistikdrehscheibe. (Bild: Hafen Wien)

Der Bedarf an Waren und Rohstoffen ist im Umbruch. Das merkt man auch in der Transportbranche. Besonders für die Binnenschifffahrt sind die Zeiten herausfordernd. Ein Überblick von Mag. Fritz Lehr, MBA, kaufmännischer Geschäftsführer des Hafen Wien.

Logistik-Geschäftsmodelle haben den Markt durch neue Modelle im E-Commerce verändert, die neue Möglichkeiten, aber auch eine erhöhte Nachfrage nach kurzfristigen Lieferungen bedingen. Neue Rohstoffe werden ­immer beliebter, während traditionelle Waren (Kohle, Öl usw.) sukzessive weniger nachgefragt werden. Binnenhäfen stehen im Mittelpunkt dieser Entwicklungen und Veränderungen. Da sie sich häufig in oder in der Nähe von Stadtgebieten befinden, stehen Nachhaltigkeitsfragen im Vordergrund. Die Forderung nach einer Reduzierung des CO2-Fussabdrucks im Verkehr begünstigt derzeit die Binnenschifffahrt und die Schiene.

Kostengünstig und umweltfreundlich

Bei gleichem Energieverbrauch kann ein Schiff eine Tonne Güter 370 km, ein Zug rund 300 km, ein LKW 100 km und ein Flugzeug nur 6 km weit transportieren. Weitere Vorteile der Binnenschifffahrt sind die geringen externen Kosten, hohe freie Kapazitäten (auf der Donau sind beispielsweise nur 15 % der möglichen Kapazi­täten genutzt), hohe Sicherheit und niedrige Transportkosten. Ausserdem bietet die Binnenschifffahrt beste Voraussetzungen, um ein integraler Bestandteil der Haus-zu-Haus-Logistikketten zu werden.

Multimodalität ist Trumpf

Mit steigenden logistischen Anforderungen werden Kapazitätsengpässe zu einem wachsenden Problem. Da Schienen- und Strassenverkehr immer häufiger an ihre Kapazitätsgrenzen kommen, bietet die Binnenschifffahrt eine Chance für Wachstum. Europäische Binnenhäfen befinden sich an der Kreuzung von Binnenschifffahrt, Schiene und Strasse. Multimodalität ist ihr Kern, aber von dem Potenzial, das ein echtes multimodales System bietet, ist man immer noch weit entfernt.

Hafen als Schnittstelle

Binnenhäfen sind wichtige Schnittstellen im Warentransport. Der Hafen Wien ist ein multifunktionaler Dienstleistungsbetrieb, der sowohl jahrzehntelange Erfahrung hat als auch modernste Technologien bietet. Durch seine optimale Anbindung an die Verkehrsträger Schiff/Bahn/LKW fungiert er als leistungsstarke Schnittstelle internationaler Handels- und Transportwege. Der Hafen Wien kann als Best-Practice-Beispiel für die multimodale Aufstellung eines Binnenhafens angesehen werden: Auf 3 Mio. m2 Fläche betreibt die Hafen Wien-Gruppe mit ihren Tochtergesellschaften drei grosse Güterhäfen inklusive Infrastruktur: den Hafen Freudenau, den Hafen Albern sowie den Ölhafen Lobau. In allen drei Güterhäfen werden pro Jahr rund 1.200 Frachtschiffe abgefertigt. Über den Wasserweg kommen vor allem Mineralölprodukte sowie Streusalz, Baustoffe wie Zement, Sand oder Stahlprodukte bzw. landwirtschaftliche Produkte wie Getreide und Kunstdünger.

Wichtiger Wirtschaftsfaktor Hafen

Binnenhäfen sind auch wichtige Wirtschaftsfaktoren für ganze Regionen. Das zeigt auch das Bespiel des Hafen Wien: Insgesamt finden sich neben der angesiedelten Hafen Wien-Gruppe über 100 weitere private Unternehmen – darunter etwa 40 Speditionen –, welche die profitablen Vorzüge des Hafen Wien wirtschaftlich nutzen und für ihre Zwecke die geeigneten Objekte mieten. Die Spannweite des Mietangebots reicht von kleineren Büros über Lagerflächen und Abstellplätze für Fahrzeuge oder LKWs bis zu weiten Arealen für ganze Betriebe. Der Hafen Wien ist mit rund 5.000 Arbeitsplätzen ein wichtiger Beschäftigungsstandort für eine ganze Region geworden.

Nachhaltigkeit zählt

Als Logistikdrehscheibe ist der Klima- und Umweltschutz dem Hafen Wien ein grosses Anliegen. Daher wurde im Jahr 2017, um an Konzepten für die nachhaltige Versorgung der Stadt zu arbeiten, thinkport VIENNA gegründet. Auch bei der Versorgung des Standortes wird auf Nachhaltigkeit gesetzt, dazu konnte 2017 eine Photovoltaikanlage in Betrieb genommen und damit rund ein Viertel des Energiebedarfs am Standort abgedeckt werden. Ausserdem wurde 2018 am Terminal der WienCont – einer Tochter des Hafen Wien – mit einer Versorgung von 100 % Wasserkraft ein wesentlicher Beitrag zur Nachhaltigkeit der Transportkette im kombinierten Verkehr gesetzt.  

 

Mag. Fritz Lehr, MBA ist seit 2011 als kaufmännischer Geschäftsführer des Hafen Wien tätig. In dieser Zeit wurde er auch Präsident der EFIP (European Federation of Inland Ports), Obmann der IGÖD (Interessensgemeinschaft öffentlicher Donauhäfen in Österreich) und Präsident der PDA (Pro Danube Austria).

 

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